Momente des Menschseins


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In der Kneipe

 

Eine Frau, 25 Jahre.

Eine verrauchte Kneipe im Glimmern der Stadt.

Sie hasst Kneipen, verlebt dort ihre Abende.

Wohin mit der Einsamkeit? Verdünnt in ein Glas Wein.

Die Welt erscheint im Schmerz. Ein süßer Schmerz, sie fühlt sich wohl dabei. Sie hat noch Mitleid, Mitleid für sich, das wärmt sie auf.

Der Nebel der Nacht frisst die Zeit. Sie schielt in den Spiegel hinter der Theke. Sie empfindet sich geheimnisvoll im Grau des Nebels.

In der Ecke sitzt ein Mann mit Zeitung. Sie liest keine Zeitung, hat zu viele Emotionen, braucht ihr Mitleid für sich selbst. Sie findet Zeitungsleser abstoßend, falsches Gefühl für fremde, unbekannte Menschen.

Die Barfrau bläst Wolken in die Luft, sie sieht leer und verbraucht aus. Zwei Männer mit Bart an der Theke, ihr gegenüber. Sie reden, reden über ihre Frauen. Ist das alles, was für sie zählt?

Sie verspürt einen Luftzug. Ein grauer Mantel steht in der Tür. Er hat ein ansprechendes Gesicht, aber zu große Ohren. Warum sie darauf achtet?

In ihr steigt die Lust hoch, einen Menschen zu benutzen, ein Spiel mit ihm zu treiben.

Der graue Mantel scheint perfekt: adrett und in ihrem Alter. Er hat sich einen Platz gesucht. Sie kann ihn gut beobachten. Er sieht zu ihr, während sie lächelt. Sie lacht ihn aus, aber das weiß er nicht, er lächelt zurück.

Sie setzt sich zu ihm, ohne ein Wort. Das macht ihn verlegen. Er heiße Marc und finde sie sehr schön. Ein schrilles Lachen, sie ist belustigt. Sie denkt an ihn, wie er sie bitten wird, sie nicht fallen zu lassen, nicht so auf diese Art. Sie genießt diesen Gedanken, sie genießt es immer, wenn sie sich überlegen fühlt. ER wird klein sein vor ihr.

Sie reden über das Leben in der Stadt, ob er die Stadt liebt? Man könne nur Menschen wirklich lieben.

Ja, nur sich selbst, denkt sie.

Er fühlt sich einsam kennt hier noch niemanden, ist froh um ihre Bekanntschaft. Sie wird ihm die Langeweile vertrieb, natürlich vor allem sich selbst, aber das sagt sie nicht. Sie erzählt ihm von sich, oder von dem, was er von ihr wissen soll. Man spüre gleich, dass sie verträumt sei. Er sitzt in ihrer Falle. Sie wäre genau sein Typ, er hat sonst immer Pech bei Frauen. Aber mit ihr sieht er das anders.

Sie ist froh über seine Schnelligkeit, das erspart viel Zeit. Sie kann ihre entscheidenden Züge bald einsetzen.

Der Vorschlag, das Lokal zu verlassen , sie gehen an die frische Luft. Der kalte Nebel zieht langsame Streifen. Sie merkt es nicht, denkt an ihren Triumph. Sie hakt sich ein im grauen Mantel. Er geht behutsam, um sie nicht zu verlieren. Er fühlt sich glücklich.

 

 

 

Der Marathonläufer

 

Die Spannung steigert sich auf ihren Höhepunkt. Der Startschuss zerreißt die unerträgliche Anspannung. Er läuft unter der Nummer 27. Die Anzahl der Teilnehmer ist kaum zu überblicken. Ein Blick durch das Stadion zeigt Tausende von Menschen. Sie machen ihn nervös, diese starrenden aufgerissenen Augen der Zuschauer.Es kostet ihn Überwindung, sich wieder auf das Rennen zu konzentrieren. Das Tempo nicht übersteigern. Den Körper noch nicht übermäßig anspannen. Er versucht die Kurve innen zu nehmen. Die anderen Läufer nimmt er kaum wahr.

Einmal der Sieger sein, den Kampf gewinnen. Sich selbst überwinden. Es würde sich alles ändern, das ganze Leben. Einmal nicht Verlierer sein. Einmal den Kopf erhoben tragen. Sich selbst Bewunderung schenken. Etwas Großartiges vollbringen. Welch ein Traum, der wahr werden könnte. Die Laufstrecke führt jetzt raus aus dem Stadion heraus und zieht sich durch die Straßen der Stadt. Eine kolossale Stadt. Was zählt das jetzt. Der Sieg über diese Stadt, die Menschen, den Sieg über sich selbst. Wird der Sieg zum Glauben, zum Glauben an das eigene  Ich?

Er fühlt sich gut in Form. Erschöpfung ist noch nicht spürbar. Er hat sich jetzt von der Mitte abgesetzt und läuft an Ende der vorderen Gruppe mit. Wie lange werden die Kräfte anhalten? Sein Wille ist noch stark. Wie lange wird er es bleiben? Wird er nicht wieder aufgeben, wie schon so oft, kurz vor dem Ziel? Der Glaube an den Erfolg. Die Veränderung, die den Sieg bringen soll. Die Bestätigung, kein Verlierer zu sein oder die Bestätigung, immer ein Verlierer zu bleiben. Gedanken, die quälen. Die anderen scheinen sich ihres Sieges sicher. Hass gegen die Konkurrenten? Zu wenig Kenntnis, um sie zu hassen. Angst vor ihrem Triumph. Angst vor dem Blick, den sie Verlierern schenken. Aber diesmal ist es anders. Der Traum, den anderen dieses Gefühl zu geben. Nicht mehr allen gleichgültig zu sein. Den Neid der anderen auf sich zu spüren. Bedeutet das Anerkennung? Würde man ihm Beifall schenken? Ehrlich gemeinten Beifall? Die Angst, es könnte anders sein. Es wäre dann alles vergebens.

Seine Beine werden allmählich schwerer. Die Umgebung, die Straße, auf der er läuft, registriert er nur noch verschwommen. Die Sonne scheint seinen glänzenden Körper zu verbrennen. Er hasst sich, wenn er schwitzt. Der Geruch ekelt ihn. Nach dem Sieg würde er sich nicht mehr hassen. Der Schweiß hätte sich gelohnt.

Die Möglichkeit eines Sturzes kurz vor dem Ziel. Peinliche Gefühle wären unvermeidlich. Sie würden ihn zerfressen, die Gefühle, die ihn ständig quälen. Ist dieser ganze Lauf nicht sinnlos? Der Wille verliert seine Stärke, doch seine Beine laufen weiter, er spürt sie kaum noch. Immer ein Fuß vor den anderen. Die Geschwindigkeit möglichst beibehalten. Die anderen sind zurückgefallen. Er läuft als erster. Er könnte der Mittelpunkt des Geschehens sein. Was würde er darum geben! Die Beachtung würde ihm gebühren, nur ihm.

ER blickt zum Himmel. Weiße Wolken schieben sich vor die Sonne. Sehnsucht nach Ruhe. Einen Augenblick nur zu liegen, im Schatten eines Baumes. Der Drang, etwas zu trinken. Wann wird der Körper aufgeben? Übelkeit zieht sich durch den ganzen Körper. Aber sein Wille festigt sich wieder. Er kann es vollbringen. Dieses eine Mal wird er den Sieg erringen. Er wischt sich den Schweiß aus der Stirn. Wenn sein Körper dem nicht Stand hält? Die Angst vor dem Tod. Die Unauffälligkeit seiner Erscheinung. Wer würde seinem Tod Beachtung schenken. Das Sterben als winzige Regung des Lebens. Hat er jemals gelebt?

Verschwommen glaubt er das Stadion zu erkennen. Neue Kräfte sammeln sich in ihm. Das Ziel, an dem er so oft gezweifelt hat, es scheint zum Greifen nahe. Ein Glücksgefühl fährt durch seinen ermatteten Körper. Der Körper als fremdes Wesen, das er kaum noch unter Kontrolle hat. Aber der neue Glaube an den Sieg.

Er beschleunigt seinen Lauf mit den letzten Energien. Unbehagen breitet sich wieder aus. Erst jetzt wird ihm bewusst, dass er vollkommen alleine läuft. Das Stadion ist nicht mehr weit entfernt, aber kein Laut lässt sich vernehmen. Er läuft in das Stadion ein, völlige Stille. Das Ziel ist abgebaut, die Tribünen geräumt.

Schrei. Die völlige Erschöpfung.

 

 

 

Das Leiden

 

Sie sitzen beim Frühstück. Es ist Sonntag. Er hat den Tisch liebevoll gedeckt. Sie sitzt und starrt ihn an. Irgendetwas an ihm stößt sie ab. Seine Sorge um sie – sie fühlt sich bedrückt. Ihre Gedanken schwirren um das Böse. Nur ein Wort, um ihn zu verletzen.

Sie erträgt es nicht. Er würde ihr alles verzeihen. Sie lässt das Frühstück stehen, geht zur Tür, nimmt ihren Mantel. Er verfolgt sie mit den Augen, sagt kein Wort, er nimmt sie, wie sie ist.

Leise geht sie durch die Tür. Weiß selbst noch nicht wohin. Draußen ist es kalt und regnet. Sie spürt die Nässe in ihrem Gesicht. Sie saugt die Tropfen ein, verspürt Lust, etwas zu beginnen. Sie setzt ihren Weg fort, zwei Straßen weiter geht sie zu einem anderen Mann.

Sie drückt die Klingel. Kurz, kaum hörbar, den anderen im Zweifel lassend, ob er sich nicht verhört hat.

Der andere Mann öffnet ihr, ist erstaunt, sie an diesem Tag zu sehen. Sein Gesicht drückt Freude aus. Er drückt sie an sich. Sie lässt es geschehen. Auch er sitzt beim Frühstück. Ein aufgeschlagenes Journal liegt neben seinem Teller.

Sie hat keine Lust, ihn anzusehen – die Freude in seinem Gesicht. Sie empfindet keine Liebe. Er tut ihr leid. Er hat das Böse in ihr noch nicht erkannt. Ein Kuss ohne Gefühl. Sie wendet sich zur Tür. Sein Gesicht verständnislos doch ohne Groll.

Sie vergräbt die Hände in den Taschen, läuft so schnell sie kann. Irgendwohin, wo sie sich selbst nicht trifft. Sie läuft zum Fluss, setzt sich in die nasse Wiese. In sich zusammengekauert, versucht sie an nichts zu denken. Es scheint fast, als ob sie schliefe.

In der Ferne wird ein alter Mann sichtbar, er kommt näher, tritt zu ihr hinzu. Mit seinen alten Händen berührt er sanft ihr Gesicht und hebt ihr Gesicht zu sich empor. Sie schließt die Augen, um den alten Mann nicht ansehen zu müssen. Sie hat Schuldgefühle.

Der alte Mann nimmt ihre Hand, „komm mit mir“. Sie fühlt sich wehrlos und begleitet ihn. Lange gehen sie zusammen, Hand in Hand am Fluss entlang. Sie beginnt zu träumen, dass er ein Mensch sei, den sie lieben würde.

Er erzählt von sich, von seinem Leben, seinen Träumen. Sie hört ihm zu und spürt, dass er ihr Innerstes kennt. Er weiß, dass sie nicht lieben kann, es niemals lernen wird. Sie würde gerne von ihm gehen, aber sie ist wehrlos.

Er bringt sie in ein verfallenes Haus, gibt ihr dort einen warmen Tee. Sie nimmt das Haus nicht wahr, sieht nur den alten Mann. Er schürt das Feuer im Ofen, setzt sich dann ihr gegenüber an den Tisch.

Er hat ihren Blick aufgefangen. Sie würde sich gerne abwenden, aber sie hat keine Kraft. Sie scheint zu zerfließen im Braun seiner Augen. Er berührt ihre Hand „sprich nicht, ich werde dir das Leiden zeigen“. Sie begreift nicht, lässt aber alles mit sich geschehen. Es scheint ihr, als ob in den Augen des alten Mannes ein Bild entstünde. Sie lässt sich entgleiten und nimmt das Bild in sich auf. Sie sieht ein kleines Mädchen in eine dünne Jacke gehüllt. Es läuft durch den Schnee und friert. Die Augen von Tränen gerötet, läuft es eine Straße entlang. Es kommt in ein Dorf und trifft dort andere Kinder. Das Mädchen kann nichts sagen, es friert zu sehr. Ein Junge läuft auf sie zu und fragt sie, ob sie nicht mit ihnen spielen möchte. Das Mädchen würde gerne, aber es kennt das Spiel nicht und hat Angst ihm das zu sagen. So steht es nur und friert. Es kommen noch mehr Kinder angelaufen. Das Mädchen weiß immer weniger, was es sagen soll, sieht die Kinder nur an. Sie hat es nicht gewollt, aber ihre Augen füllen sich mit Tränen. Die Kinder fangen an zu lachen, denn sie können das Mädchen nicht verstehen. Ein Junge zupft sie am Ärmel und begutachtet ihre Jacke. Die anderen fangen nun an, sie zu stoßen und das Mädchen weiß sich nicht zu wehren. Es macht sich von den Kindern los und läuft aus dem Dorf hinaus. Frierend steht es weder allein auf der verschneiten Straße, die von diesem Dorf wieder in ein anderes führt.

Das Bild entschwindet, zurück bleiben die Augen des alten Mannes. Das Gesicht des alten Mannes drückt Ruhe aus. Sie fühlt, wie sie immer wehrloser wird. Wieder verfällt sie seinem Blick, der ein neues Bild entstehen lässt.

Diesmal sieht sie einen kleinen Jungen, den seine Mutter an der Hand führt. Hinter den beiden geht der Vater und schiebt vor sich einen alten Kinderwagen, der mit Taschen und Koffern voll beladen ist. Die Familie scheint auf der Flucht zu sein. Ein leises Dröhnen wird hörbar, verstärkt sich zu einem unerträglichen Geräusch. Die Eltern werfen sich auf den Boden, die Mutter wirft sich schützend auf ihren Jungen. Nach einigen Minuten, in denen der Lärm, das Denken übertönt, kehrt wieder Stille ein. Der Junge kriecht unter dem Körper der Mutter hervor, ergreift ihre Hand. „Komm Mutter, lass uns weitergehen“, die Mutter rührt sich nicht. Der Junge fängt an zu weinen, während er unablässig an der Hand der Mutter zieht.

Das Bild verschwindet wieder, der alte Mann hat ein Lächeln im Gesicht. Sie weiß, warum er lächelt, er hat gespürt, wie sehr sie leidet. Das Lächeln ist nicht böse und doch ist es ein Lächeln des Erfolges. Er hat in ihr, in ihrer Leere etwas Menschliches angerührt. Sie kann das Lächeln nicht mehr ertragen, findet die Kraft, sich seinem Blick zu entziehen.

In ihrer Griffweite sieht sie ein Brotmesser liegen. In ihr steigt der Hass auf, gegen diesen alten Mann, sie greift nach dem Messer und sticht zu. Sie steht einen Augenblick ohne zu denken – der Tote sieht sie noch immer an und lächelt.

Sie verlässt das Haus und geht zurück zu ihrem Mann. Leise packt sie ihre Sachen und geht aus dem Haus, das einmal auch ihr Haus gewesen ist. Sie weiß nicht, wohin sie geht, aber sie weiß, dass es keine Bedeutung mehr hat. In dem alten Mann hat sie das letzte Menschliche in sich getötet – spürt ins sich nur noch das Nichts.